Eigentlich wollte
ich bleiben, aber ich wusste nicht wo.
Hannover, das war ne
seltsame Sache mit uns. Eine Beziehung, die ich unbedingt führen
wollte, aber du und ich, wir waren zu verschieden.
Die Basis hat nicht
gestimmt. Obwohl ich extra für dich nach Niedersachen zog, habe ich
nicht genug Zeit mit dir verbracht, Hannover.
Ich habe nicht
gedacht, dass wir daran scheitern würden.
Dass ich ne andere
kennenlernen würde: Würzburg.
Deren
Sandsteinbrücken weicher sind. Und der Wein besser. Die überhaupt
Wein hat.
Die kein Ihmezentrum
hat, aber ne blöderen Bahnhof.
Es tut mir leid,
Hannover, ich mache Schluss. Ich hab dich geliebt und ich hab dich
gehasst und am Ende hat es nicht gereicht.
Ich habe dich die
ganze Zeit betrogen: ich war immer auf Reisen, immer in fremden
Städten, weil fremde Strände sich besser anfühlen auf meiner Haut.
Ja, wir hatten
schönen Zeiten. Wenn wir die Nächte in der Glocksee durchtanzten.
Oder wenn ich auf dem Maschsee Schlittschuh lief. Oder wenn wir ins
Theater gingen. Oder auf Konzerte. Oder aufs Bootboohook, das es nun
nicht mehr gibt.
Nur irgendwann,
irgendwann hat mir das alles nicht mehr gereicht. Ich wollte mehr.
Anderes. Ich stehe dann doch mehr auf die südländischen Stadttypen.
Irgendwie hab ich
dann doch nicht geglaubt, dass es was dauerhaftes ist, mit uns,
Hannover. Tschuldi.
II
Eigentlich wollte
ich einen Text schreiben, um weggehen zu können,
aber alles, was ich
schrieb, war:
An den zenitenen
Rändern der Stadt habe ich versucht, zu wohnen.
Ich habe versucht,
mir eine Katze zum Freund zu nehmen und einen Garten zu bebauen.
Ich habe versucht,
nicht so weit weg zu sein.
Ich habe versucht,
immer wieder nach Hause zu kommen.
Ich habe versucht,
hier zu bleiben.
Aber nach dieser
kompletten Sommertraurigkeit, musste ich auf Abbruchhäuser klettern
und Fotos schießen. Das Contigelände mit seinem illegalen Strand.
Die Augenblicke über
der Stadt, in denen ich nicht mehr bemerkte, dass etwas fehlte.
III
Eigentlich wollte
ich bleiben, aber ich musste fort.
Nachts zog es mich
zur weißen Düne am Steinhuder Meer. Ich hätte gerne deine Hand
gehalten, Hannover, aber dieses Beton fiel mir so schwer.
Ich hätte gerne mit
einer handvoll Menschen und mehreren Flaschen Wein ein
Mitternachtspicknick am Kanal gemacht, draußen bei den
Ruderbootvereinen, bei den abgebrochenen Zelten der
Gartenlaubensiedlungen.
Manchmal fragte ich
nach dem Namen der Architektur, nach dem Namen des Flusses, nach der
Richtung der Wege und der Musik, ich fragte dich nach Zeit und
Zielen, ich bekam keine Antwort, ich blieb stumm am Kanal und sagte
Gedichte in den rostigen Fluss.
Ich glaube, du hast
zu selten meine Hand gehalten. Wir schliefen nebeneinander und die
Stadt berührte mich nicht.
IV
Eigentlich wollte
ich schreiben, aber ich wusste nicht, an wen.
Meine Adressaten
waren verschwunden, der Nachsendeantrag gestellt, die Fußabdrücke
waren mir zu groß geworden, die Wege fremd, die Straßennamen sagten
mir nichts, aber ich schwieg auch.
Es ist ein seltsames
Gefühl, durch eine Stadt zu laufen, die einem schon nicht mehr
gehört.
Straßenzüge zu
verpassen, die ich nie wahrgenommen hatte, deren Abfahrtszeiten ich
nicht begriffen hatte. Ich hatte die Sätze der Menschen falsch
verstanden, ein geflüstertes „Bleib, aber geh.“. Zu merken, dass
es nicht mehr reicht, was da war zwischen uns.
Und immer, wenn ich
woanders war, vermisste ich dich weniger, als ich es mir gewünscht
hätte.
V
Eigentlich wollte
ich bleiben, aber ich wusste nicht, wo.
Am liebsten waren
mir die Gewitternächte mit dir, Hannover.
Butterbrot und
Pfefferminztee und deine Hand in meinem Nacken. Am liebsten war mir,
wenn mich im Sommer jemand fragte, ob wir an der Faustwiese liegen
und dort für eine Weile bleiben könnten. Wenn wir Club Mate
tranken und Wodka und an den Kiosken die bunten Tüten verschlangen.
Wenn unsere Zähne aneinander klebten und wir dich kaum küssen
konnten, Hannover.
Wenn die Sonne
hinterm Ihmezentrum unterging, obwohl das gar nicht die richtige
Himmelsrichtung war.
Wenn Ninia fragte,
ob ich mit ihr „Zurück in die Zukunft“ ansehen wolle, alle drei
Teile, wenn wir danach mit Doc Brown an der Bismarckstraße auf die
Ampelschaltung warteten.
Wenn Hannover leise
flüserte: „Ich bin eine seltsame Stadt, aber ich bin nicht so
schlimm, wie alle dachten.“
Und ja, Hannover,
ich habe dich verteidigt! Ich habe die Menschen hierherbestellt, ich
habe sie von Bahnhöfen abgeholt, von Autobahnraststätten, von
Mitfahrgelegenheiten. Ich habe mich nicht für dich geschämt.
Ich habe die
Menschen in mein Auto gestopft und das Rathaus hochgejagt, ich hab
ihre Hunde in den Maschsee geschubst, ich habe Zuckerwatte gegessen
und immer hat etwas gefehlt.
Ich habe dich
gebeten, dich von deiner besten Seite zu zeigen und ich habe die
Menschen gebeten, dich von deiner besten Seite zu sehen.
Nur mich selbst hab
ich dabei vergessen.
Als hätte ich ein
5-Gänge-Menü gekocht aus genau den Lebensmitteln, die ich nicht
mag.
Was ich hätte tun
sollen?
Noch einen Anker
mehr auswerfen. Noch ein paar Menschen mehr anrufen, noch ein paar
Monate länger bleiben. Noch ein paar Fragen mehr stellen. Noch ein
paar mal mehr sehr laut sehr viel schreien. Noch ein paar Mal mehr
versuchen, etwas zu retten, Hannover.
VI
Eigentlich. Aber.
Auch. Ach.
Und um es mit Goethe zu
sagen:
„Wir irrten uns
aneinander. Es war eine schöne Zeit.“

